Liebe Länggässlerinnen und Länggässler
Gefallen sie Euch, die vier Seile mit den farbigen Wimpeln hoch über den Strassen? Mir schon, ich bin kürzlich mit dem Velo rundum geradelt, dann fielen leider auch schon wieder die ersten Regentropfen, und so ging ich an Bord und öffnete unser zeitgemässes Bordbuch unter www.pauluskirche.ch, den Link zur Schiffsgeschichte! Das bewirkte halb ein Schmunzeln, halb ein Stirne Runzeln, denn, was las ich da:
Ein Schreinerstreik verzögerte 1905 den Schiffsbau um ein halbes Jahr.
Revolutionäre Gewitterwolken, wirtschaftlich bedingte Protestbewegungen nicht nur im fernen zaristischen Russland, sondern auch in Bern, unter den Schreinern, die zuständig waren etwa für die Holzbänke oder für die harmonisch sich in den Raum einfügenden Emporen! Wie die Crew damals darauf reagiert hat, weiss ich nicht! Ich lese aber ein paar Sätze des damaligen "Kapitäns", des Kirchgemeindepräsidenten und Nationalrates Herrn Hirter. Der sagte anlässlich der feierlichen Eröffnung unseres "Kirchenschiffes" im Dezember in der bis auf den letzten Platz besetzten Pauluskirche: ...“Die evangelisch-reformierte Kirche hat immer als einen ihrer vornehmsten Grundsätze die Toleranz hochgehalten und ihre Glieder sollen sie hinaustragen ins alltägliche Leben und sie dort verwirklichen, dabei für Recht und Wahrheit unentwegt einstehen.“
Ein schönes Statement, aber wie oft entsprach es leider ganz und gar nicht der kirchengeschichtlichen Wirklichkeit – auch nicht hier in Bern! Drum mein Schmunzeln und Stirnerunzeln! Und damit geht’s gleich weiter, wenn ich im Bordbuch weiterlese. Da fährt der Kirchenmann und Politiker fort:
„Sie [die Kirche] hält sich fern von Einmischung in die Politik; ihre Aufgabe ist es, Herz und Gemüt des Volkes vorzubereiten, dass der Staat für die Fürsorge um Arme, Kranke und Hülfsbedürftige gute Aufnahme finde. Noch fehlt uns die Durchführung der staatlichen Fürsorge für die durch Unfall und Krankheit Heimgesuchten. An diesem Werke mitzuarbeiten, werden die Verkünder des Wortes Gottes berufen sein, entspricht dies doch den Lehren des Stifters der christlichen Religion, der sein Leben vor allem den Mühseligen und Beladenen weihte.“
Was steckt eigentlich hinter der verbreiteten kirchlichen Abwehr und Angst vor dem Politischen? Politisch ist doch ganz einfach alles, was Bürgerinnen und Bürger, was die Gesellschaft betrifft? Das Essen, die Kleider, die Wege, die Schule, die Arbeit, die Löhne, die Krankenhäuser, das Theater........Das bestätigt ja Herr Hirter 1905 eigentlich auch selbst mit seinem Hinweis auf die Verpflichtung auf Grund der christlichen Religion für lebensgerechte Bedingungen, besonders auch für die „Heimgesuchten, Mühseligen, Beladenen“, sich einzusetzen.
Wie die Lebensbedingungen und die Entlöhnung der streikenden Schreiner am Kirchenbau ausgesehen haben und wie viele Fabrikarbeiterinnen und Arbeiter, streikende und krampfende, wie viele Dienstmädchen aus der Länggasse mit dabei gewesen sind damals an der feierlichen Eröffnung im Kirchenschiff, das weiss ich leider auch nicht! Ich fürchte, nicht allzu viele! –Bis der Staat die allgemeine Alters- und Krankenversicherung realisierte, mussten zwei Weltkriege, mussten Wirtschaftskrisen, die Menschheit erschüttern und bis auch den Frauen die ihnen zustehenden Bürgerinnenrechte zuerkannt wurden, vergingen weitere Jahrzehnte!
Aber kehren wir zurück zu Besonderheiten in www.pauluskirche.ch! Zur „Toblerone“! Nach dem, was ich auch mit Schmunzeln lese, flattern unsere bunten Wimpel eigentlich über Schokoladeland! Wer von uns hat nicht das eine oder andere Mal schon eine Toblerone als Gastgeschenk ins Ausland mitgebracht? Künftig kann ich meine Quartierkirche mit dem kakaozuckerigen Dreieck in örtliche Verbindung setzen- zumindest historisch!
Liebe Leserinnen und Leser, ich fürchte, heute mutet Paulette Euch etwas gar viel zu mit ihren assoziativen Sprüngen: Eröffnungsrede 1905 und Politik, Pauluskirche und Toblerone, Schokoladefabrik und „ein Schiff, das sich Gemeinde nennt.....“
Und nun kommt dazu noch ein ganz besonderer Sprung in die Gegenwart 2005! Wie die einstige Schokoladefabrik in der Länggasse ist auch die Kirche heute ein globales Unternehmen geworden – sie war’s zwar schon zu Paulus’ Zeiten, aber seit sie ihre Mitgliedschaft im Reformierten Weltbund (Gründung 1875 in London) in Wort und Tat vermehrt und bewusster zu leben versucht, auch dank moderner Kommunikations- und Reisemöglichkeiten, weiss sie sich eingebunden in die weltweite Familie von Christinnen und Christen und in die weltweite Gesellschaft aller Menschen.
An der 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra, Ghana, im letzten Jahr gaben sich die Teilnehmenden diskutierend, analysierend und betend eine Art biblisch begründetes Programm mitzuwirken, damit alle „Leben in Fülle haben“. Formuliert ist das u.a. so: „Empfehlungen an unsere Kirchen 1. sich am Protest der Menschen gegen wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung in ihren Gemeinden durch Gebete, Predigt, Unterricht und konkrete Solidaritätsakte zu beteiligen; 2. einen das Konsumdenken überwindenden Lebensstil zu fördern, der die negativen Auswirkungen kultureller Globalisierung und deren Konsequenzen für den Lebensstil bekämpft; 3. den Anteil ethischer Investitionen an den Gesamtinvestitionen der Kirchen innerhalb der nächsten vier Jahre um mindestens 20 % zu erhöhen und ökumenische Mikrokreditprogramme zu unterstützen; 4. den fairen Handel als Alternative zu unfairen Handelspraktiken zu fördern und für ihn zu werben [...].“
Denn:
„Wir teilen eine gemeinsame Erde.
Wir stehen einander bei.
Wir teilen unseren Planeten.
Wir teilen Geburt, Tod, Hunger und Liebe.
Der Himmel öffnet sich über uns und schenkt uns Raum.
Die Erde steht unter uns und schenkt uns Grund.
Die Luft wird unser Atem und wir sind ein Wind.
Das Wasser wird unser Blut und wir sind ein Meer.
Lebendige Dinge sterben um unseretwillen.
Und wir sterben und kehren zurück zu Erde, Meer und Luft.
Wir sind Menschen voller Schmerz und Furcht,
wir sind Menschen voller Zorn und Freude
wir sind Menschen voller Mitgefühl und Gnade.
In uns allen ist eine Sehnsucht
nach einem Leben, das noch nicht da ist,
nach einer Welt, die frei und gerecht ist,
ein Traum der Hoffnung für alle Menschen.“
Mit herzlichen Grüssen vom bewimpelten Schiff!
Paulette




