
LIEBE LÄNGGÄSSLERINNEN UND LÄNGGÄSSLER
Dieser und die ihm folgenden Briefe möchten Euch neugierig machen auf die Jubiläums-Anlässe rund um die Kirche und zugleich einladen zum Hereinschauen, zum Mitdenken, zum Mit-dabei-Sein. Mit Pfingsten beginnt das Fest. Farbige Wimpel werden von da weg bis anfangs Dezember vom Kirchturm im Winde flattern oder in der Hitze und bei Regen träge, aber bunt über Bäumen und Strassen baumeln!
Die Wimpelidee hat gezündet! Wer hat doch da nicht alles mitgemacht beim Verzieren der 400 dreieckigen Stoffstücke; wie viele Hände und Finger hat’s gebraucht, um die Wimpel zu dem zu machen, was sie jetzt sind!
Es waren wohl zumeist die Hände von Frauen, junge, glatte und alte, fleckige Hände, auch Kinderhände, weiche, rundliche, die sich abgegeben haben mit dem Gestalten der Wimpel zum 100-Jahr-Jubiläum der Pauluskirche. Dank dieser vielen Hände ist aus jedem der gleichförmigen, einfarbigen Stoffstücke ein einmalig persönliches Zeichen, ein unverwechselbares, symbolisches Kennzeichen geworden.
geworden sind! Wie viele Motive mit Hilfe vieler farbiger Stoffreste und unzähliger kleiner Stiche entstanden sind aus dem Nachdenken über die markante Quartierkirche, die ja doch ein wenig wie abseits des lebhaften Alltagsgeschehens und des oft hektischen Verkehrsbetriebs zwischen und unter den alten Bäumen ihren Standort erhalten hat, vor hundert Jahren.
Ja, sie hat gezündet, die Wimpelidee! Sie hat auf ihre Weise eine Verbindung zu knüpfen gewusst zwischen den Menschen und der Quartierkirche. Jeder einzelne Wimpel zeigt und veranschaulicht eine Vorstellung oder Assoziation einer Länggässlerin, eines Länggässlers zur Kirche.
Einige der Motive sind uralte religiöse Symbole: die Sonne, der Mond, die Sterne, der Regenbogen, der Baum, der Kreis. Doch auch der Drache fehlt nicht, das Bedrohliche, Unheimliche.
Andere Wimpel tragen christliche Sinnbilder: das Christuskreuz, der Fisch, das PAX-Zeichen, der Hirte mit den Schafen, die Kerze, die Glocke. Mehrmals erscheint auch die Quartierkirche selbst mit ihrem hohen Turm und mit bunt gekleideten Menschengruppen drum herum.
Nicht vergessen ist die weltweite Kirche und das Engagement der Solidarität, verbildlicht im Globus, im Signet „Brot für Alle“ oder in den Umrissen des afrikanischen Kontinents, von wo bunte Bänder strahlenartig nach Norden, zu uns, ausgehen.
An Pfingsten werden die Wimpel in festlich frohem Geschehen hochgezogen und an langen Seilen in alle vier Himmelsrichtungen zu den umliegenden Häusern und Gebäuden gespannt. So sollen sie auf ihre Weise den Sommer über ein urbanes Zeichen setzen – die Verbindung der Quartierkirche mit dem Quartier!
„Wimpel“, ein uraltes germanisches Wort, so lehrt uns der „Duden“, hatte einst mit einer Binde, möglicherweise zum Zusammenhalten des Haares zu tun, ein Kopfschutz und Schleier für Frauen also. Dann aber, seit 1500, ausgehend von den Niederlanden und den Küstenstreifen der Nordsee her, bekommt das Wort die Bedeutung eines Schiffswimpels.
Das war die Zeit, als die europäischen Schiffe immer weiter aufs offene Meer hinaus zu segeln begannen auf der Suche nach neuen, noch unbekannten Ufern.
Wer weiss, ob nicht die Frauen ihren Männern, Geliebten, Brüdern, Söhnen ... die ersten kleinen Wimpel mitgegeben haben? Kleine, bunte, flatternde Zeichen der Verbundenheit und der Hoffnung auf Heimkehr, kleine Erkennungszeichen auch dafür, wer da wo auf dem weiten Meere sich wohin bewegte?
Das Schiff selber hat in den Kirchen von alters her Symbolcharakter bekommen, das illustrieren auch einige „unserer“ Wimpel: der mit der Arche, der mit dem Boot als dem Christusträger. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat das Boot mit dem Kreuz seit seiner ersten Vollversammlung in Amsterdam 1948 zu seinem eigentlichen Symbol gemacht.
Wen wundert’s, wenn ein neueres Kirchenlied singt: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heisst Gottes Ewigkeit.“
Seit hundert Jahren fährt nun das Gemeindeschiff in der Länggasse, das damals auf den Namen des Apostels Paulus „getauft“ worden ist, durch das Meer der Zeit. Und sein Ziel ? Was ist sein Ziel? Welche Signale beachtet es? Welche Zukunft steuert es an? 2005, in der Zeit, die vor uns liegt?
1905! das ist, wir lesen’s in diesen Tagen oft, die Zeit, da in unserer Stadt – von „Bern“ und wohl auch von den Länggässlern unbemerkt – ein fremder, junger Mensch die gängigen Vorstellungen von Zeit und Raum und Stoff grundlegend und umwälzend verändert hat.
Das aber ist eine andere Geschichte!
Und nun, liebe Leserinnen und Leser, freut sich die Bootscrew auf Sonntag, den 15. Mai. Sie hofft, dass viele von Euch aus dem Quartier zum Kirchen-Schiff kommen, um mit
dabei zu sein, wenn die Wimpel hochgezogen und unter den alten Bäumen und unter den steinernen Bogen am Kirchenschiff ein festlich geselliger Start in die Zukunft begangen wird – „so Gott will “ – „inshallah !“
Mit freundlichen Grüssen und einem erwartungsvollen „Ahoj!“
Paulette







