Pfingstgottesdienst 15. Mai 2005: Predigt von Pfarrerin Lisbeth Rieger
Als Predigttext hören wir heute einen Text des Apostels Paulus, nach dem unsere Gemeinde und unsere Kirche ihren Namen erhalten haben.
Im 1. Korintherbrief im Kap 12, in den Versen 4 bis 11, schreibt er an die Gemeinde in Korinth:
„Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist.
Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn.
Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott:
Er bewirkt alles in allem.
Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen der Gemeinde geschenkt.
Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem anderen durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten, im gleichen Geist Glaubenskraft, einem anderen - immer in dem einen Geist - die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem anderen Wunderkräfte, einem anderen prophetisches Reden, einem anderen die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem anderen Zungenrede, einem anderen schliesslich die Gabe, sie zu deuten.
Dies alles bewirkt ein und derselbe Geist;
Einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.“
Chor: Psalm 107
Liebe Gemeinde,
liebe Kinder, liebe Jugendliche und Erwachsene
Heute an diesem Pfingstsonntag haben wir Grund zu danken – zu danken für alles, was in unserer Gemeinde in vielen Jahren gewachsen ist.
Doch wir wollen nicht uns selber danken, sondern unseren Dank verbinden mit dem Lob Gottes. – So ist es gut, dass heute der Pauluschor mit wunderschönen, musikalisch vertonten Psalmen diesen unseren Dank kräftig unterstützt.
Dass wir gerade heute unser Kirchenjubiläum eröffnen und 100 Jahre Paulusgemeinde mit Pfingsten verbinden, trifft sich gut. An Pfingsten feiern wir die Lebendigkeit des heiligen Geistes, der Neues schafft und auch unsere Gemeinde lebendig erhält; Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, aus verängstigten Jesusjüngern ist eine Pfingstgemeinde geworden, die in die damalige Welt aufgebrochen ist.
Unser Predigtext führt uns das lebendige, vielversprechende Zusammenleben einer der ersten christlichen Gemeinden vor Augen. Der Apostel Paulus erzählt , wie die Menschen Kraft dieses Geistes beflügelt sind und engagiert. Seinem Brief entnehmen wir, dass es in der korinthischen Gemeinde gar eine Art Wettstreit und Eifersucht gibt über die verschiedenen Gaben des Geistes. Was hat mehr Bedeutung: die Gabe der Weisheit oder die der Vermittlung von Erkenntnis? Die Gabe, Krankheiten zu heilen oder die Gabe des prophetisches Redens oder gar die Gabe zur Ekstase und zum Zungenreden? In unserem Briefabschnitt antwortet Paulus mit Gelassenheit und Ruhe. Er wertet nicht, er grenzt nicht aus, er würdigt vielmehr diese Vielfalt an Begabungen. Sie sind nötig für ein lebendiges Gemeindeleben. Und der Apostel weist auf Kriterien hin, wie mit einer solchen Vielfalt an Charismen umzugehen ist: All diese verschiedenen Begabungen, auch die aussergewöhnlichen Befähigungen, entspringen der einen Quelle, dem einen Geist. Dieser Geist bewirkt dies alles.
Wie sieht das Umfeld aus, in der diese christliche Gemeinde lebt und sich behauptet? In Korinth pulsiert das Leben. Die geographische Lage an der Landenge zwischen Mittelgriechenland und dem Peloponnes macht Korinth zu einer Handelsstadt, zu einem internationalen Zentrum der damaligen Welt. Düfte aller Welt durchziehen die Strassen, Gassen und Basare dieser bunten Stadt. Reiche, fremde Menschen flanieren durch die Strassen; Freigelassene, Matrosen und Sklaven tummeln sich in der Hafengegend. Eine Vielfalt von Kulturen und Religionen prägt das Zusammenleben. Und mitten in dieser zuweilen verwirrenden Metropole existiert die von Paulus gegründete christliche Gemeinde. Und die Gemeinde wächst und bekommt einiges Gewicht und auch Vermögende und Einflussreiche gesellen sich dazu. Doch als Gemeinde bleibt sie Teil einer in vielerlei Hinsicht zerrissenen Stadt. In den Gemeindeversammlungen werden die sozialen Unterschiede ganz offensichtlich. Es gibt Spannungen und Konflikte zwischen Frauen und Männern, Gebildeten und Ungebildeten, Armen und Reichen.
So beklagen sich etwa die Sklaven und Hafenarbeiter, dass sie nach einem langen Arbeitstag beim abendlichen Gemeindemahl oft den Kürzeren ziehen und hungrig wieder weggehen; denn die besser situierten Christinnen und Christen sind schon früher dort und haben sich bereits an Speise und Trank gütlich getan. In einer Situation, in der die Gemeinde in Korinth Gefahr läuft, sich vor allem mit sich selber zu beschäftigen und Fähigkeiten und Begabungen gegeneinander auszuspielen, fragt Paulus nach dem Nutzen der verschiedenen Gaben für die Gemeinschaft, für den Aufbau und das Zusammenleben in der Gemeinde. Diese Gaben sind kein Selbstzweck und dienen nicht der eigenen Profilierung. Eindringlich und in grosser Deutlichkeit weist der Apostel auf den Geschenkcharakter der Gaben hin: Wir verdanken sie nicht uns selber. Charismen, wörtlich übersetzt eigentlich „ Wohltaten „ sind Gaben, die uns durch die Gnade Gottes gegeben sind.
Und das Schöne ist - und das ist eine Pointe dieses Paulustextes - jede und jeder kann diese Gabe des Geistes bekommen, jede Frau, jeder junge Mensch, jeder Mann hat Charisma. Aber dieses Charisma entfaltet sich erst im Zusammenspiel mit anderen, in der Orientierung auf den Mitmenschen hin. Das ist das entscheidende Kriterium zur Beurteilung der Geistesgaben: Orientieren sie sich am Nutzen der Gemeinde, an der Diakonie, stellen sie sich in den Dienst einer Gemeinde mit einem solidarischen und gleichberechtigten Zusammenleben (?) - oder stören und gefährden sie das Zusammenleben in der Gemeinde - durch Konkurrenz oder Gabendünkel oder Gabengeiz.
Wie wird ein Gemeindeverständnis lebendig, bei dem die Gaben aller gefragt sind? Das ist heute die herausfordernde Frage auch an uns: In wessen Dienst stellen wir unsere Charismen? Unsere Gaben?
In unserer Paulusgemeinde, in unserem Quartier gibt es eine Vielfalt ganz unterschiedlicher Begabungen, die sichtbar oder unsichtbar wirken. Es gibt Menschen jeden Alters, die sich mit ihren Händen, mit ihrer Stimme und von ganzem Herzen engagieren - für andere und mit anderen.
Achten wir auf die verschiedenen Begabungen, auch auf unsere eigenen? Kommen sie zum Tragen? Finden wir das Zusammenspiel, so dass sie ausstrahlen in unser Zusammenleben?
Die grosse Beteiligung an unserem Kirchenjubiläum, die Gestaltung der farbigen Wimpel - mit Hingabe und Kreativität - und mit einer Vielfalt von Motiven, Bildern und Symbolen sind ein Ausdruck dieser Vielfalt. So durften wir als Kirchgemeinde in diesem Quartier in den letzten Monaten erfahren: Wir sind nicht allein, da sind andere, einzelne und Gruppen aus dem Quartier, die tragen mit und wollen mit uns feiern.
Für mich verknüpft sich mit dieser Erfahrung eine andere: Wenn wir als Gemeinde Raum geben: für Junge und Alte, für Menschen aus dem Quartier und für Gäste aus dem Ausland, die uns ihre Botschaft bringen – wenn wir Raum geben sogar für Menschen ohne Papiere - wie vor vier Jahren - dann rücken wir als Gemeinde näher zusammen, dann werden unsere verschiedenen Begabungen gebraucht. Und wir merken, wir sind als Gemeinde belastbar und wir haben Ressourcen; wir lassen uns nicht lähmen durch Angst oder Mutlosigkeit.
Der Pfingstgeist, der durch die ersten christlichen Gemeinden weht und für Überraschungen sorgt, ist ein wacher, ist ein solidarischer Geist und führt die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Dieser Geist verbindet uns heute als Paulusgemeinde mit der Bewegung einer weltweiten Kirche. - In diesem Geist orientieren wir uns an der Praxis des Messias Jesus und stehen ein für die Würde jedes einzelnen Menschen; für eine Solidarität mit den Bedürftigen und gegen eine Ökonomisierung des Lebens.
Die Gaben einzelner Menschen zählen, sind etwas wert, sind wichtig; es soll nicht sein, dass sie brachliegen, weil Menschen nicht gebraucht werden; es darf nicht sein, dass Kinder und Erwachsene durch Arbeit ausgebeutet werden und so um ihre Fähigkeiten und um ihre Gesundheit gebracht werden.
Unsere Paulusgemeinde lebt von den Talenten und Begabungen jedes einzelnen; das macht sie reich, lebendig und vielfältig. - Eine Gabe des heiligen Geistes ist die Freude. Und dazu haben wir heute reichlich Grund.
Der Pauluschor - mit den Worten des 100. Psalms - stimmt jetzt ein in diese Freude: „Jauchzt dem Herrn alle Welt! Dient Gott mit Freuden und kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken! „
Amen
Chor: Psalm 100




