„Aber baut man denn im 20. Jahrhundert noch eine neue Kirche?“ - 100 Jahre Pauluskirche

 

„Aber baut man denn im 20. Jahrhundert noch eine neue Kirche? So begann die „Weiherede“ des Pfarrers bei der Grundsteinlegung für die Pauluskirche am 9. November 1902. Zusammen mit dem Grundstein wurden in einem feierlichen Akt die Verfassung und der Staatskalender des Kantons Bern, das Adressbuch und die politischen und kirchlichen Blätter der Stadt Bern, die kirchlichen Gesetze und Reglemente, eine Bibel, das Verzeichnis der kirchlichen Behörden der Stadt, eine Sammlung der gegenwärtigen Schweizermünzen und eine Urkunde über die Grundsteinlegung der Kirche vergraben. Am 15. Mai 1905 wurde der Kirchgemeinderat eingesetzt und am 3. Dezember 1905 wurde die Kirche mit einer Verspätung von einem halben Jahr eingeweiht – wegen einem Schreinerstreik.

 

In einer Zeit, in welcher wir in der Presse häufiger von Kirchenverkäufen als von Neubauten lesen, können wir die Frage „Aber baut man denn im 20. Jahrhundert noch eine neue Kirche“? gut nachvollziehen. Der Pfarrer hat die Frage damals folgendermassen beantwortet: Der Apostel Paulus wollte in seiner Gemeinde alle vereinigen: Juden, Griechen, Männer, Frauen, Freie und Sklaven usw. Solche Orte, an welchem Platz ist für alle Menschen, ob arm oder reich, ob jung oder alt, ob schwarz oder weiss, ob Arbeiter oder Denker, brauchen wir auch im 20. Jahrhundert noch – und die Pauluskirche soll ein solcher Ort sein.

 

Wir leben 100 Jahre später, im 21. Jahrhundert. Die Zahl der Kirchenglieder nimmt laufend ab, es muss gespart werden, der Kirche wird oft eine düstere Zukunft prophezeit. Und doch feiern wir! Wir feiern mit Gottesdiensten, Konzerten, Kirchen- und Turmführungen, einer Reise zur Pauluskirche nach Basel, einer Übernachtung in der Kirche, einem Quartierfest, einer Filmnacht, einem Theater ... . Wir feiern aus vielen Gründen. Ein Grund ist Dankbarkeit: Dankbarkeit darüber, dass es die Pauluskirche auch nach 100 Jahren noch gibt; dass die Kirche während 100 Jahren versucht hat, ein Ort der Begegnung mit Gott und dadurch ein Ort für alle Menschen zu sein. Wir feiern, weil während 100 Jahren viele Menschen aus dem Länggass- und Brückfeldquartier dazu beigetragen haben, dass die Kirche ein solcher Ort sein konnte. Denn was ist eine Kirche ohne Gemeinde: Nur eine leere Hülle, nur ein Bau, wie es andere auch gibt. Und wir feiern auch, weil wir einen solchen Ort der Begegnung mit Gott und miteinander immer noch brauchen.

 

Am 15. Mai, im Anschluss an den Pfingst-Gottesdienst, beginnt das Jubiläumsjahr. Von der Kircheneinweihung wird berichtet, dass damals „ein ziemlich wackeliges Chörli“ gesungen habe. Dieses hat sich zum Glück in der Zwischenzeit prächtig entwickelt und so können wir uns freuen auf Wort, Musik und Gemeinschaft – und das Aufziehen der farbigen Wimpel, welche viele Menschen aus Kirchgemeinde, Schulen und Quartier kunst- und phantasievoll verziert haben. Diese Wimpel werden uns bis zum Festkonzert des Paulus-Chores im Dezember immer wieder daran erinnern, dass die Pauluskirche seit 100 Jahren ein Ort für alle Menschen sein will: ein Ort zum Hören, Singen, Beten, Klagen, Lachen, Feiern ..., ein Ort der Begegnung und der Gemeinschaft, mitten im Länggassquartier.

 

Elisabeth Moser Opitz, Präsidentin Kirchgemeinderat

 

(dieser Artikel ist erschienen im Paulusboten vom Mai 2005 )