Januar 2009
Seit 2000 befasst sich Gody Hofmann, Architekt, mit der Planung der neuen Orgel. Er hat sein Büro an der Muesmattstrasse in der Länggasse (www.godyhofmann.ch)

Welches waren Ihre Aufgaben als Architekt beim Planen der neuen Orgel für die Pauluskirche?
Als ich Mitte Juni 2000 vom Kirchmeieramt die Anfrage erhielt, ging es primär um die Begleitung und Leitung der baulichen Arbeiten im Zusammenhang mit dem Orgelprojekt. Die Zielsetzung war damals, im Hinblick auf die 100-Jahrfeier der Pauluskirche – also für 2005 – eine neue Orgel am ursprünglichen Standort zu realisieren. Es gab ein Richtprojekt, das die Platzbedürfnisse und die Machbarkeit nachwies, von Prospekt-Gestaltung wurde in dieser Phase kaum gesprochen.
Ab 2004 – 05 wurde die Ausschreibung der Orgel zum Hauptthema. Vorabklärungen ergaben, dass das gewünschte Instrument (mit 37 Registern und 3 Manualen) nicht unter 1 – 1.5 Mio. Franken erhältlich war. Dies führte zu einer so genannten Testausschreibung, mit dem Hinweis, dass für den Orgelneubau finanzielle Mittel in der Grössenordnung von Fr. 950'000.-- zur Verfügung stünden. Diese Randbedingung führte dazu, dass die meisten grossen Schweizer Orgelbaufirmen auf eine Teilnahme verzichteten. Aus den eingegangenen Offerten wurden drei ausgewählt, die detailliert unter die Lupe genommen wurden und deren Betriebe besucht wurden. Aus diesem Auswahlverfahren ging die Firma Metzler Orgelbau aus Dietikon klar als Siegerin hervor.
Auf Anregung des Denkmalpflegers Jürg Keller begaben sich die OrgelexpertInnen im November 2006 auf eine Studienreise zu vier vergleichbaren Kirchenbauten von Karl Moser (dem Architekten der Pauluskirche) in Basel und Karlsruhe. Diese Reise war für alle sehr aufschlussreich und hatte u. a. zur Folge, dass die ExpertInnen einen Antrag für die Versetzung der Engelsfenster einreichten. Diese Platzerweiterung würde für die zukünftige Orgel wesentliche Verbesserungen bringen. Dieses Anliegen wurde auch vom kant. Denkmalpfleger Dr. Jürg Schweizer unterstützt und Beiträge aus dem Lotteriefond gesprochen.
Eine grosse Überraschung erfolgte dann im letzten Herbst, als bei den Bauarbeiten Originalteile der ehemaligen Sandsteineinfassungen und farbige blaue Fensterleibungen zum Vorschein kamen. In enger Zusammenarbeit zwischen Bauherrschaft, Denkmalpflege, Restaurator und Architekt wurde auch diese neue Herausforderung gemeistert!
Die Werk- und Detailplanung, Bauausführung, die Koordination mit dem Orgelbauer sowie die Projektleitung der Wiederherstellung der blauen Gewölbefarbe bis hin zum Rückbau der alten Orgel lagen in unserem Aufgabenbereich.
Welches war die anspruchsvollste Aufgaben dabei?
Die Prospektgestaltung und die Lösungsfindung/Zusammenarbeit mit dem Orgelbauer Andreas Metzler.
Die Pauluskirche ist ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung! Die Kirche ist ein Gesamtkunstwerk! Der Kirchenraum beeindruckt durch seine räumlichen Dimensionen und Qualitäten. Die eher ungewohnte Inszenierung der Kanzel mit der darüber liegenden Figurengruppe und der zukünftigen Orgel auf der Empore lässt an Dramaturgie keine Wünsche offen. Die Gestaltung der Orgel wird mit diesen Parametern zur grossen Herausforderung für jeden Architekten, Gestalter und Orgelbauer. Spätestens ab dem Moment, als die eher traditionell ausgerichteten Prospekt-Vorschläge der Firma Metzler nicht den Vorstellungen der Bauherrschaft und OrgelexpertInnen entsprachen, begann ich mich mit dieser Gestaltungsaufgabe auseinander zu setzen. Das war ein langer und sehr intensiver Prozess!
Zum ersten Mal in Ihrer langen Tätigkeit als Architekt befassen Sie sich mit dem Bau einer Orgel. Was war für Sie neu dabei? Wie haben Sie diese Aufgabe erlebt?
Orgelbauer sind mit der Tradition verbundene Menschen. Die lange Tradition der verschiedenen Firmenkulturen, des Handwerks und auch der Fabrikation der ganzen Orgel
– der „Königin der Instrumente“ – werden ganz explizit zelebriert! Das habe ich bei Firmenbesuchen bei mehreren schweizerischen Orgelbaufirmen persönlich erlebt. Anlässlich einer mehrtägigen Orgelbautagung in Chur – im Rahmen der Einweihung der neuen, modern gestalteten Orgel in der Kathedrale Chur – war von vielen Orgelbauern zu vernehmen, dass eine solche Orgel gar nicht anständig klingen könne! Besichtigungen von verschiedensten historischen und modernen Orgeln im In- und Ausland, Literaturstudium und Diskussionen mit unserem Orgelexperten, der Organistin, dem Denkmalpfleger und natürlich mit Andreas Metzler haben schliesslich zu einem Resultat geführt, das von allen mitgetragen wird. In diesem Sinn kann/muss auch meinerseits von einem gestalterischen Kompromiss gesprochen werden.
Welches waren die Leitgedanken, die zur äusseren Gestaltung der Orgel führten?
Die öffentliche Ausschreibung im Sommer 2005 machte folgende Aussage zu
Prospekt und Gehäuse:
„Die Prospektgestaltung soll einer schlichten, zeitgenössischen Formensprache verpflichtet sein. Sie nimmt in Funktion und formalem Aufbau Rücksicht auf die Kanzelskulptur. Der Prospekt ist zunächst Hintergrund, was durch grosszügig dimensionierte Pfeifenfelder und schlichte Schleierbretter bewerkstelligt werden kann. Im Weiteren ist das Instrument aber auch ein künstlerisch eigenständiges Ausstattungsobjekt, wobei Bezüge zum Umfeld durch entsprechende Linien-führungen in der Silhouette und die stilisierte Umsetzung von Ornamentelementen hergestellt werden können.“
Dieser formale Anspruch an die zukünftige Orgel wurde von allen mir bekannten Beteiligten und insbesondere von der Orgelbaukommission einstimmig mitgetragen. Dazu kann ich als Architekt und Mitverantwortlicher für den Orgelneubau auch zu 100% stehen!
Die historische Orgel der Pauluskirche (1905) von Karl Moser hatte – wie wohl üblich bei Kirchen aus der Jugendstilzeit – einen reinen Pfeifenprospekt (vgl. Kunstführer zur Pauluskirche, Seite 26). Ein reiner Pfeifenprospekt, ohne umfassendes Gehäuse, war leider für die beteiligten Fachleute – trotz guter ausländischer Beispiele – undenkbar. Es gibt auch keine stummen oder überlangen Pfeifen im Prospekt. Das Äussere widerspiegelt quasi das Innere des Instrumentes. Das würde für den Architekten heissen „Form und Inhalt“ stimmen überein. Das ist grundsätzlich positiv.
Was möchten Sie unsern Leserinnen und Lesern sonst noch sagen?
Mir ist bewusst, dass die neue Orgel und insbesondere der modern gestaltete Prospekt in der Pauluskirche nie allen Besuchern der Kirche gefallen wird. Ich hoffe jedoch sehr, dass die musikalischen Vorstellungen und Wünsche bezüglich Klangästhetik alle erfüllt werden. Von der hohen orgelbautechnischen Qualität der Firma Metzler bin ich überzeugt.
Ich möchte der Bauherrschaft, der Kirchgemeinde Paulus und der Orgelbaukommission für den Auftrag und das mir und meinen MitarbeiterInnen entgegengebrachte Vertrauen ganz herzlich danken!
Die Fragen stellte Heinrich Burckhardt




