Es gilt das gesprochene Wort

 

Freiestrasse 8, Paulus-Kirche in der Länggasse

Rekonstruktion der Dekorationsmalerei auf der Orgelempore

 

Die Paulus-Kirche im Berner Länggass-Quartier, 1902–05 vom Architekten Karl Moser erbaut, befindet sich seit 1975 im Inventar der geschützten Kunstaltertümer. Sie ist eine der bedeutendsten Sakralbauten des Jugendstils in der Schweiz und seit 1985 als Baudenkmal von nationaler Bedeutung auch unter Bundesschutz. Der Kirchenbau ist von einer alles übergreifenden gestalterischen Idee durchdrungen; trotz einiger Veränderungen bringt das Gebäude den Kern der architektonischen Schöpfung und die Idee eines bis ins letzte Detail durchgebildeten Gesamtkunstwerks noch heute gültig zum Ausdruck.

 

In den hundert Jahren seit der Fertigstellung der Paulus-Kirche waren vor allem die Orgel und damit auch die betreffende Empore einer höchst wechselvollen Geschichte ausgesetzt. Die Orgel von 1905 war ein zeittypisches, für eine Quartierkirche angelegtes Instrument mit 27 Registern. Die Disposition stammte vom Orgelfachmann Karl Locher, während der Prospekt von Architekt Karl Moser entworfen worden war. Wie jedes Bauteil der Kirche war auch diese prominente Ausstattung dem gestalterischen Gesamtkonzept des Neubaus unterworfen. Wände und Decke der Orgelempore waren ursprünglich dekorativ gefasst, wobei blaue und blaugrüne Farbtöne das Farbklima bestimmten. Vor diesem Hintergrund war der architektonisch konzipierte Prospekt auf einzigartige Weise in die Jugendstilkirche eingefügt und bildete hinter der Christusgruppe, von den beiden Engelsfenstern flankiert, einen prachtvollen Abschluss der zentralen Kanzelwand.

 

Das Originalinstrument wurde 1933/34 am alten Standort erstmals sehr nachhaltig verändert und erweitert. 1969/70 wurde schliesslich ein Erneuerung realisiert, die zugleich die Verlegung des Instruments von der historischen Orgelempore auf die Hauptempore zur Folge hatte. Dieses Instrument ist inzwischen anfällig auf Pannen und im Unterhalt sehr kostspielig und wird nun durch einen zeitgemässen Neubau der Firma Metzler ersetzt, der wieder auf der ursprünglichen Orgel- und Sängerempore hinter der Kanzelwand zu stehen kommen wird. 

 

Als Folge dieses Entscheids wurde beschlossen, auch die Fenster wieder an ihren ursprünglichen Standort zu verschieben. Die baulichen Massnahmen und anstehenden Renovationen waren zugleich Anlass, die originale dekorative Farbigkeit der Orgelempore wieder herzustellen. Der Mehraufwand für die letztgenannten Arbeiten von rund 45'000 Franken war im ordentlichen Kredit für den Orgelneubau nicht vorgesehen. Auf Anfrage haben sich eine Reihe renommierter Berner Malerbetriebe in verdankenswerter Weise bereit erklärt, mit Auszubildenden an der Rekonstruktion der verloren gegangenen Farbigkeit der Orgelempore mitzuwirken und die erforderlichen Arbeiten unentgeltlich auszuführen. Sie decken damit die Lücke zwischen den Kosten und dem Beitrag der Denkmalpflege aus dem Lotteriefonds von rund 30'000 Franken.

 

Der reiche dekorative Charakter der Orgelempore ist den historischen Schwarz-Weiss-Aufnahmen von 1905 zu entnehmen, Farbdarstellungen oder Entwürfe des ursprünglichen Zustandes haben sich indessen nicht erhalten. Die Farbwerte konnten aufgrund von Sondierungen und Freilegungen vor Beginn und während der Bauarbeiten erfasst und bestimmt werden, so dass genügend gesicherte Grundlagen zur Wiederherstellung vorliegen und die Paulus-Kirche bis zu einem bestimmten Grad wieder ihrer originalen Farbigkeit angenähert werden kann.

 

 

Jürg Keller, Denkmalpflege Stadt Bern