Medienorientierung „blau“ in der Pauluskirche

Montag, 10. November 2008, 9.00 Uhr

 

Begrüssungsansprache

 

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren

 

Ich begrüsse Sie freundlich zu dieser Medienorientierung in der Paulus-Kirche.

 

Ich bin der derzeitige Präsident des Kirchgemeinderates, also wie man sagt der Hausherr, was aber bedeutet, dass ich mit vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und vielen Gruppen beschäftigt bin und eher ein Hausdiener als ein Hausherr bin. Die Paulus-Gemeinde ist eine grosse, lebendige Stadt-Kirchgemeinde, in der man sich manchmal nach einem ruhigen Leben sehnt.

 

Zurzeit stehen in unserer Kirche Veränderungen bevor, die mit viel Aufwand auf Seiten der Behörde und der Mitarbeiterschaft verbunden sind: Noch bis 12. November wird die jetzige Orgel auf der Eingangsempore demontiert und anschliessend eine neue auf der Chorempore gebaut. Auch Orgeln altern und müssen manchmal ersetzt werden. Bei einer Ausbesserung 1969/70 wurde das ganze Orgelwerk von der Chorempore auf die Eingangsempore verlegt. Es verdeckt seither das grosse Farbfenster des auferstandenen Christus, das eine besondere Bedeutung im Gesamtkunstwerk der Pauluskirche hat. Die Engelsfenster auf der Chorempore, die ohne die Orgel plötzlich ganz weit auseinander standen, wurden damals zur Mitte hin versetzt. Die ursprüngliche Malerei wurde nach dem Geschmack der Zeit überstrichen. 

 

Nun gibt also wieder eine neue Orgel. Dazu – und zu den Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Pauluskirche – äussert sich anschliessend Denkmalpfleger Jürg Keller. Die neue Orgel, die von der Firma Metzler aus Dietikon ZH erstellt wird, kostet ca. eineinhalb Millionen Franken. Es ist klar, dass es auch Gegner dieses grossen Projektes in der Kirchgemeinde gibt. Aber im Juni 2006 genehmigte die Kirchgemeindeversammlung Paulus das Projekt und erklärte sich bereit, für 340 000 Franken selber aufzukommen. Der Grossteil der Kosten wird von der Gesamtkirchgemeinde Bern übernommen.

 

Spenderinnen und Spender ermöglichen Neubau und Wiederherstellungen

Seit Oktober 2008 hat die Kirchgemeinde Paulus die 340 000 Franken Eigenmittel auf dem Konto. Das war möglich dank dem grossen Einsatz des Orgelkomitees, das für das Sponsoring verantwortlich war. Ca. 450 Spenderinnen und Spender aus dem Länggass-Quartier und anderen Orten haben beigetragen, ferner Konzerte unserer Organistin Ursula Heim mit Kolleginnen und Kollegen, Anlässe des Paulus-Chors sowie Musikdarbietungen von Kindern und Jugendlichen aus dem Quartier. Namhafte Beträge stifteten die Zunftgesellschaft zur Schmieden und die Gesellschaft zu Mittellöwen. Zu nennen sind ferner Banken und  Versicherungen, die Stiftung Pro Patria etc. Wir sind dankbar für diese Solidarität und stolz auf unsere Eigenleistung, wenn man so sagen darf.

 

Das Projekt des Orgel-Neubaus hat weitere wichtige Veränderungen in unserer Kirche ausgelöst. Mit dem Entscheid, die neue Orgel am Platz der ersten Orgel über der Kanzelwand auf der Chorempore aufzustellen, kam auch der Wunsch, die beiden Fenster wieder zurückzuversetzen. So sind sie besser sichtbar sind und es ergibt sich auch mehr Platz für das Orgelgehäuse. Diese Anpassung wird bereits realisiert. Die Kosten für die Versetzung der Engelfenster übernimmt die Denkmalpflege. Für einen Restbetrag kommen etliche besonders engagierte (z.T. anonym spendende) Personen sowie Mitglieder des Kirchgemeinderates auf. Und die Restaurierung geht weiter: Bei den Vorbereitungen für die Aufstellung der neuen Orgel und die Versetzung der Fenster kamen Reste der ursprünglichen Deckenbemalung zum Vorschein, die im Zuge der Renovierungen im vorigen Jahrhundert übermalt wurden.

 

Blau als prägende Farbe der Pauluskirche

Die Pauluskirche ist ein herausragendes Baudenkmal des Jugendstils. Ihr Architekt, Karl Moser, hat mit ihr ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das bis in die kleinsten Details sorgfältig entworfen und aufeinander abgestimmt ist. Darüber wird uns noch Jürg Keller von der Denkmalpflege Bern Auskunft geben. Herr Keller hat auch den instruktiven Kunstführer über die Pauluskirche verfasst. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Farbkonzept des originalen Kirchenraumes. Die Farbe blau war beherrschend. Blau waren das Linoleum des Bodenbelags, die Säulenkapitelle, blau lasiert waren die Türen. Die Farbe blau ist geradezu leitmotivisch eingesetzt bis zur Fassung der Schlusssteine im Gewölbe. Eine explizite Begründung für die Wahl dieser Farbe ist uns nicht bekannt. Blau ist eigentlich keine liturgische Farbe. Aber sie hat seit alters symbolischen Wert und ihre Tradition in der christlichen Kunstgeschichte. Blau ist die Farbe des Himmels. Und so ist das Himmelblau in der karolingischen Zeit die Farbe Gottvaters und Christi. Sie bleibt im Mittelalter die Farbe Christi. Und auch Maria wird meist mit blauem Mantel dargestellt, um so ihre Verbundenheit mit Christus auszudrücken.

 

Wenn nun schon die neue Orgel am ursprünglichen Platz aufgestellt wird und die Engelfenster an ihren originalen Ort versetzt werden, sollte man dann nicht auch die originale Farbgebung wenigstens auf der Chorempore wiederherstellen? Diese Frage beschäftigte einige Gemeindemitglieder. Nach der regulären Kirchgemeindeversammlung im vorigen Jahr schritt ein Ehepaar zur Tat und stellte einen grösseren  Betrag in Aussicht, wenn weitere Spenderinnen und Spender mithelfen würden, die blaue Deckenmalerei zu realisieren. Diese Leute waren auch bereit, die Sponsoren-Suche gleich selber an die Hand zu nehmen. Vor diesem Hintergrund gelang es Denkmalpfleger Jürg Keller, sechs Malerbetriebe Berns zu gewinnen, die bereit waren, ihre Lehrlinge zur Verfügung zu stellen, um diese einmalige Arbeit unter fachlicher Anleitung auszuführen. Dafür danken den wir Malermeistern herzlich.

 

Unsere Kirche ist also zurzeit eine Baustelle. Aber eine Kirchgemeinde ist immer eine Baustelle. Ab Mitte November werden wir keine grosse Orgel mehr haben. Der Gemeindegesang wird mit einer kleinen transportierbaren Orgel weitergehen, bis dann die neue Orgel einsatzfähig ist. Sie wird im Ostergottesdienst am 12. April 2009 eingeweiht werden und dann gleich am grössten und wichtigsten Fest der Kirche, dem Osterjubel der Gemeinde dienen. Ein Organisationskomitee „Orgeleinweihung“ ist inzwischen dabei, eine Festwoche und ein Einweihungsjahr mit weiteren Anlässen rund um die Orgel zu organisieren, damit viele Menschen aus dem Quartier und der Stadt die neue Orgel kennenlernen und sich mit uns über sie und über die neu gestaltete Orgelempore freuen.

 

Heinrich A. Meyer-Reichenau

Präsident Kirchgemeinderat